Rein ins Ehrenamt 2 – Workshops

Rein ins Ehrenamt – Workshops – Dokumentation Teil 2 – Nachmittag

Nach den Grußworten und Vorträgen des Vormittags und einem Mittagessen ging es in die Workshop-Phase der Veranstaltung „Rein ins Ehrenamt“ am 23. Februar 2018 im Haus der Kulturen Braunschweig.

Axel Klingenberg (Mitarbeiter bei „Peers helfen“ und „Demokratie leben“ Wolfenbüttel – Workshop 1), Madeleine Martin (Mitarbeiterin in den Projekten „Peers helfen“ und „Frauenpower“ in Wolfenbüttel – Workshops 2 + 3) und Larissa Eggeling (Mitarbeiterin im Projekt „Rein ins Ehrenamt“ Braunschweig – Workshop 4) berichten. Zu Workshop IV können Sie auch eine Präsentation (PDF) herunterladen!

Hier geht es zur Dokumentation Teil 1.

 

Workshop I – Marion Büschlepp / Ehrenamtsbeauftragte der Lebenshilfe Braunschweig

Präsentation Marion Büschlepp (PDF)

 

WorkshopsMarion Büschlepp, Ehrenamtsbeauftragte der Lebenshilfe Braunschweig, stellt Praxisbeispiele für Einsatzgebiete des Ehrenamtes (besonders von Geflüchteten) vor

 

Marion Büschlepp, Ehrenamtsbeauftragte der Lebenshilfe Braunschweig, und dort auch zuständig für die Mitgliederbetreuung, berichtete in ihrem Workshop über ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen, die sich freiwillig bei der Lebenshilfe engagieren. Die größten Probleme seien Kontinuität und Zuverlässigkeit. Allerdings gäbe es auch positive Beispiele: Eine Dame mit Fluchthintergrund engagiere sich im Rahmen einer Tandempartnerschaft zum Beispiel in einem Tierheim und habe dort nicht nur einen sogenannten Hundeführerschein erworben, sondern auch ihre Deutschkenntnisse verbessert und eine Freundschaft geschlossen, die wohl noch lange andauern würde, da beide Frauen die Tätigkeit im Tierheim als Bereicherung wahrnehmen würden.
Doch müsse man eben auch (siehe oben) zugeben, so Marion Büschlepp, dass es eine hohe Abbrecherquote gebe. So stelle sich ihr gelegentlich die Frage, ob die Lebenshilfe der richtige Ort für Geflüchtete sei. Sicherlich sei sie nichts für die breite Masse, sondern nur für einzelne. Insbesondere Personen mit noch nicht so guten Deutschkenntnissen seien schnell überfordert. Auch die Einrichtungen, in denen Menschen mit Fluchthintergrund eingesetzt werden, müssten sich darüber im Klaren sein, dass eine zum Teil zeitintensive Anleitung und Betreuung der Ehrenamtlichen nötig sei. Hilfreich könnten auch schriftliche Vereinbarungen sein, da diese Verbindlichkeiten schafften.
Warum wollen sich Geflüchtete überhaupt engagieren? Dafür gebe es, so Marion Büschlepp, verschiedene Beweggründe. In den meisten Fällen, sei es so, dass die Geflüchteten ihre Sprachkenntnisse verbessern wollen, Kontakte zu Deutschen suchten und ihre Berufschancen verbessern wollten. Sie sähen das Ehrenamt als Sprungbrett ins Hauptamt.
Die Fokussierung auf den Arbeitsmarkt sei aber andererseits auch ein Hindernis für das freiwillige Engagement. Auf die Maslowsche Bedürfnispyramide verweisend sagte sie, dass die meisten Menschen, die nach Deutschland kämen, zuerst bemüht wären, grundlegende Bedürfnisse zu befrieden. Der Wunsch, sich auch intensiv für andere einzusetzen, käme häufig erst viel später auf – nämlich dann, wenn die persönliche, familiäre und berufliche Existenz gesichert sei: „Das Ehrenamt ist erst in ein paar Jahren dran.“ Dies sei auch bei Deutschen nicht anders.
Im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Workshops wurden weitere Schwierigkeiten herausgearbeitet. Diese reichen von der (zeitlichen) Überforderung durch den Sprachkurs über ein generelles Unwissen über das Ehrenamt bis zu der Tatsache, dass viele Geflüchtete kaum Kontakte in die deutsche Mehrheitsgesellschaft haben. Hilfreich sei es in diesem Zusammenhang, dass die Vereine ihre (unter Umständen auch zeitlich begrenzten) Angebote verstärken und dass umgekehrt die Freiwilligenagenturen Aufklärung über die Situation der potentiellen und wirklichen Ehrenamtlichen leisteten. Den Flüchtlingen selbst müssten die Perspektiven aufgezeigt werden, die sich durch das freiwillige Engagement bieten würden – damit das Ehrenamt nicht als Belastung, sondern als Bereicherung wahrgenommen wird.

 

Workshop II – Gerrit Dolle / Integrationsmoderator AWO-Migrationsberatung

WorkshopsGerrit Dolle, Integrationsmoderator bei der AWO-Migrationsberatung, gibt Tipps und Tricks aus seiner Praxis

 

Als Integrationsmoderator des AWO Bezirksverbandes in Braunschweig tätig, gab Herr Gerrit Dolle in dem von ihm geleiteten Workshop „Übergang in den Arbeitsmarkt für Geflüchtete“ hilfreiche und ehrliche Tipps und Tricks aus seiner Praxis. Wie geflüchtete Menschen in Arbeit zu bringen sind – das war Anliegen aller Teilnehmer*innen, dem Gerrit Dolle sich in sechs Fragestellungen angenähert hat:

1. Um geeignete Betriebe für Ausbildungs- und Praktikumsplätze zu finden, sei es ratsam eigene, themenbezogene sowie lokale Netzwerke (Berufsbildende Schulen, IHK, Integrationsmoderatoren) zu befragen und bereits tätige Unternehmen zu kontaktieren. Der persönliche Kontakt zum zukünftigen Arbeitgeber sei fast immer einer Email oder einem Telefonat vorzuziehen und helfe Frustrationen und Ablehnung zu vermeiden. Von Vorteil sei auch, wenn der Betroffene beim ersten Gespräch dabei ist und sich vorstellt, wodurch Hürden und Missverständnisse abgebaut werden. Wer schnell und kurzfristig eine Arbeit suche, sei mit Zeitarbeitsfirmen gut beraten, wer längerfristig in Arbeit vermittelt werden möchte, dem sei ein MAG-Praktikum (Maßnahme bei einem Arbeitgeber) über die Bundesagentur für Arbeit sowie Maßnahmen der Einstiegsqualifizierung zu empfehlen. Eine vorläufige Alternative und als Einstieg biete, laut Gerrit Dolle, auch eine ehrenamtliche Tätigkeit, bei der das Gefühl für die Beschäftigung vermittelt werden kann.

2. Dass geflüchtete Menschen diese Angebote nicht wie gewünscht wahrnehmen, habe verschiedenste Gründe. Da seien finanzielle Nöte, Nichtwissen, aber vor allem Scham und Angst zu nennen. Erstere ließen sich je nach Aufenthaltsstatus und Alter des Geflüchteten in Rücksprache mit Jobcenter und Sozialamt (Sozialticket, Erstattung von Fahrtkosten bei MAG etc.) sowie ehrenamtlichen Betreuern verringern. Letztere könnten durch persönliche Ansprache und Begleitung der Betroffenen durch Ehrenamtliche abgebaut werden.

3. Je nach Region bestehe seitens der Betriebe besonders hoher Bedarf an Auszubildenden im Bereich Handwerk, Altenpflege sowie Gastronomie. Dabei deckten sich die Wünsche und Erwartungen der Geflüchteten oft nicht mit den sprachlichen und mathematischen Anforderungen an das Fach und führen frühzeitig zum Abbruch.

4. Daher seien ein hohes Sprachniveau (mindestens B2) sowie Angebote zu ausbildungsbegleitenden Sprachförderungen maßgeblich für den Erfolg der Ausbildung. Als gute Praxisbeispiele nannten die Teilnehmer*innen ausbildungsbegleitende Hilfen (ABH) des Jobcenters, die Nachhilfeunterricht finanzieren helfen sowie das Projekt „Ich hab’s im Betrieb gelernt“, bei dem Fachbegriffe, Schriftsprache und das Schreiben von Berichten in abendlichen Sprachkursen berufsbegleitend an der VHS Hannover erlernt werden sollen. Bewährt hätten sich auch Ausbildungspaten und ehrenamtliche Sprachmittler*innen.

5. Diese könnten auch bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen behilflich sein, bei denen nicht die Vollständigkeit sondern eine gute Beschreibung der vorherigen Tätigkeitsfelder entscheidend sei.

6. Denn schwerwiegender für den Arbeitgeber als unvollständige Bewerbungsunterlagen seien die rechtlichen und administrativen Hürden einen geflüchteten Menschen einzustellen. Diese erfolgreich und mit angemessenem Aufwand zu überwinden, ist nicht zuletzt die Aufgabe von Gerrit Dolle und der 23 niedersachsenweit agierenden Integrationsmoderator*innen.

 

Workshop III – Wolfgang Diederich-Engel / Büro für Migrationsfragen

WorkshopsWolfgang Diederich-Engel, Büro für Migrationsfragen, erarbeitet mit den Teilnehmer*innen Praxisbeispiele für Einsatzgebiete des Ehrenamtes von Geflüchteten und Migrant*innen

 

Mit Geflüchteten reden und nicht über sie – das war Motto und Inhalt des Best-Practice-Workshops von Herrn Wolfgang Diederich-Engel, Sozialarbeiter im Büro für Migrationsfragen (BfM) in Braunschweig zum Thema „Migranten/Geflüchtete im Ehrenamt“. Zusammen mit der Ehrenamtlichen Kholoud Khattab stellte er drei wesentliche Bereiche vor, in denen Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund bereits ehrenamtlich einbezogen werden und sich freiwillig engagieren.

WorkshopsKholoud Khattab ist ehrenamtlich über das Büro für Migrationsfragen tätig und erzählt in Workshop III von ihren Erfahrungen

 

1. Dies geschehe vor allem in Form der Integrationslots*innen und Willkommensbegleiter*innen, die eine Schulung durchlaufen bevor sie Betroffene zu Institutionen und Behörden begleiten oder Anträge auszufüllen helfen. Diese wie auch die 181 geschulten interkulturellen Sprachmittler*innen würden formell beim BfM angefragt und gezielt an Betroffene bzw. Behörden vermittelt. Zugewanderte Eltern könnten sich darüber hinaus auch in einer Multiplikator*innen-Schulung als ehrenamtliche Elternmoderator*innen (im Projekt „elko“) ausbilden lassen, um anschließend auf informelle Weise ihr Umfeld über Rechte und Pflichten von Eltern und das deutsche Schul- und Ausbildungssystem zu informieren. Kinderbetreuung und Sprachkurse, die von Migrant*innen und geflüchteten Menschen ausgingen, seien auch eine beliebte Form des freiwilligen Engagements.

2. Wem diese qualifizierungsintensiven Ehrenämter und Angebote nicht zusagten, könne durch das BfM auch in andere bereits bestehende Ehrenämter vermittelt werden. Dabei hob Herr Diederich-Engel die noch junge Zusammenarbeit mit der Freiwilligenagentur Braunschweig hervor, die geflüchtete Menschen und Vereine und Einrichtungen vor Ort im Rahmen des Projektes „Gut integriert durch ein Ehrenamt“ gezielt zusammenbringe. Die Teilnahme an Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen bei Wohlfahrtsverbänden stelle ebenfalls eine gute Starthilfe in eine ehrenamtliche Tätigkeit dar.

3. Die Vision einer politischen Teilhabe durch politisches Engagement von Geflüchteten im Sinne einer Selbstorganisation oder Interessenvertretung nehme in Braunschweig nur langsam Formen an. So habe sich aus Bewohnerinnen und Bewohnern von vier Wohnstandorten eine zehnköpfige Gruppe interessierterer Geflüchteter in einer Migrantenselbsthilfeorganisation zusammengefunden, die in demokratiepädagogischen Schulungen an ihre verantwortungsvollen Ziele herangeführt werden sollen. Auch wenn die Resonanz dafür noch gering sei, mit stetiger und persönlicher Ansprache und echten Aussichten auf Mitwirkung könne auch dieses Engagement gelingen und, wie Kholoud Khattab am Ende des Workshops so treffend bemerkte, „ein schönes Gefühl geben“.

 

Workshop IV – Reiner Brill / Stadt Wolfsburg – Leiter Geschäftsbereich Sport

Präsentation Reiner Brill (PDF)

 

WorkshopsReiner Brill, Leiter des Geschäftsbereichs Sport der Stadt Wolfsburg, zeigt Praxisbeispiele zur Integration von Geflüchteten über den Sport

 

In dem Workshop „Geflüchtete über den Sport integrieren“ stellt Reiner Brill, der Geschäftsbereichsleiter des Fachbereichs Sport der Stadt Wolfsburg, das Projekt „Willkommen im Fußball“ vor. Im seinem Vortrag betonte Brill, dass Integration über den Sport nicht nur funktioniere, indem Integrationsturniere veranstaltet werden, zu denen nur Geflüchtete erscheinen. Vielmehr müssten Geflüchtete und Menschen aus dem Aufnahmeland gemeinsam sportlich interagieren. Aus diesem Grund wurde im Dezember 2017 das Netzwerk „Willkommen im Fußball“ gegründet. Dieses besteht aus einem Profi- und zwei Amateurvereinen, sowie dem Integrationsreferat und dem Geschäftsbereich Sport der Stadt Wolfsburg.

Durch niederschwellige Sportangebote für junge Geflüchtete soll ihnen der Einstieg in einen Sportverein erleichtert werden und die gesellschaftliche Teilhabe über den Sport ermöglicht werden. Damit setzt Wolfsburg ein deutliches Zeichen der Willkommenskultur. Auch bieten die Kooperation der VfL Wolfsburg Fußball GmbH und die Förderung durch die DFL Stiftung diverse Vorteile. Durch ein relativ hohes Budget von 10.000 €, den professionellen fachlichen Input und die Vernetzung der Vereine, ließen sich sehr erfolgreiche Projekte auf die Beine stellen. Im Rahmen der Programme „Kicken und Kochen“ und „Learn and Kick“ wurde nicht nur gemeinsam Fußball gespielt, sondern auch gekocht, Deutsch gelernt und an einem Fußballturnier in Berlin teilgenommen. Im Jahr 2018 sollen diese beiden Programme natürlich fortgeführt werden. Freilich sind weitere spannende Projekte für das laufende Jahr geplant. Da die bisherigen Programme vorwiegend auf junge männliche Geflüchtete abzielen, soll nun auch ein Programm etabliert werden, welches geflüchtete Frauen anspricht. Zudem soll ein drittes Wolfsburger Integrationsturnier stattfinden.

Durch das ebenfalls im Jahr 2018 gestartete Programm „Kick and use your chance“ – als Kombination aus Sport und Berufsorientierung – wird jungen Geflüchteten durch individuelle Betreuung und Unterstützung ein Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht. Zum Abschluss hob Reiner Brill noch einmal hervor wie unerlässlich der tatkräftige Einsatz und die Unterstützung Ehrenamtlicher für die Umsetzung all dieser Projekte sei und wertschätzt die offene und zugewandte Willkommenskultur der Wolfsburger Sportvereine.

 

 

Rein ins Ehrenamt